Warum essen Sie alle nur so wahnsinnig gerne Schnitzel?
Was ist dran, an diesem ausgebackenem, eingebröselten Fleisch, dass es annähernde jede andere dargebotene Köstlichkeit aussticht und ich es schon in ihren freudvollen Augen sehe: an diesen Tisch werden vier Schnitzel gehen, vier Gäste, vier Schnitzel. Vielleicht weil es sie nicht immer gibt?
Diese Woche bleibt es noch dabei, zu groß mein Spaß an Ihrem Glück. Osso Bucco kann auch glücklich machen, mal sehen ob die geschmorte Kalbshaxe mithalten kann, oder vielleicht mal wieder ein Risotto, herrlich cremig, mit braunen und weißen Champignons, ein bisschen Wein, ein bisschen Parmigiano, ein Klecks Butter, schon fertig.
Schon krass, in welcher Vielfalt und in welchem kulinarischem Schlaraffenland wir schweben.
Ich lese gerade ein Buch, dass zu einem großem Teil vor und in dem zweitem Weltkrieg spielt. Diese Armut. Dieser Hunger. Diese Zerstörung. Welch ein Wahnsinn („Schwebende Lasten“, kann ich empfehlen).
Natürlich möchte ich heute, wo sich die Befreiung Ausschwitz das 81. Mal jährt, auf diesen Tag aufmerksam machen. Der Holocaust kam durch den Fernseher in mein Bewusstsein, nicht durch meine Familie. Die, die mir hätten erzählen können, wollten nicht erzählen, konnten nicht erzählen.
Als ich mit meinen Brüdern und meiner Mutter erschüttert dem Schicksal der Familie Weiss („Holocaust“, amerikanische Serie, Sie erinnern sich vielleicht?) an vier aufeinander folgenden Tagen im Januar 79 folgte, verkroch sich mein Vater ins Schlafzimmer. Ich hab das damals nicht verstanden und meine Mutter schalt ihn, er müsse doch Zeugnis geben.
Mein Vater war fast 50 und konnte nicht darüber sprechen, was ihm in seiner Kindheit während der Diktatur der Nazis widerfahren war.
Viele Jahre später hat er ab und an ein wenig erzählen können, und viele andere haben erzählt und, zum Glück, habt man ihnen betroffen zugehört.
Nur wenige Menschen, die Ausschwitz erlebt haben, können noch davon erzählen. Auch Menschen, die den zweiten Weltkrieg erlebt haben, gibt es nicht mehr so viele. Die wissen, was Krieg heißt.
Diese Armut, diese Zerstörung, der Hunger, die Not.
1945 wurde ein Lager befreit, in dem Menschen eingesperrt waren, die nichts, überhaupt nichts, man stelle sich vor, NICHTS Falsches getan hatten. Sie waren vor den Augen Ihrer Nachbarn, Arbeitskollegen, Sportkameraden mitgenommen worden. Der Großteil von ihnen wurde ermordet, einfach so.
Die Nachbarn, Arbeitskollegen, Sportkameraden waren vielleicht gleichgültig, vielleicht Profiteure, sicher aber hatten viele Angst.
Damit niemand Angst haben muss, für sein Recht einzustehen, ist es unsere Pflicht, die Demokratie zu schützen. Das sind wir den Menschen, die man wider alles Recht und fern von jeder Menschlichkeit verschleppt hat, schuldig.
Die Zeiten sind so, dass es gut ist, sich immer wieder daran zu erinnern. Nicht nur am 27. Januar.
die Sabine vom Mutz
