Newsletter 02.09.2026 – schon wieder mehr

Wenn ich durchs Nordend geh, denk ich manchmal „ob ich, wenn ich alt bin, einfach hier hin ziehen soll?“

Ich mag die fast schon ein wenig herrschaftlichen, nie protzigen Altbauten. Das dichte Grün, den Oeder Weg, die Eckenheimer. Immer gibt es irgendetwas wunderbar individuelles, mal sind die Balkongeländer schnörkelig geschmiedet, mal blühen im Vorgarten hundert bunte Blumen, mal gibt es einen sonnenbeschienen Erker im dritten Stock. 

In der Finkenhofstrasse fasziniert mich das „Logenhaus“, schräg gegenüber gibt es ein Gebäude mit einem Vordach mit bestimmt 50 cm hohen bunten Glasfenstern, gelb, rot, grün, wunderschön.

Es kommt, wie es kommen muss, ich bleib, wieder mal, an Stolpersteinen hängen. Oberweg, Haus Nummer 44. 

Acht Stolpersteine liegen im Boden. Acht. Acht Menschen wurden aus diesem Haus gezerrt. 

Ich weiß, ich werde zu spät zu meinem Termin kommen, wieder mal zu spät. Aber was soll ich machen? Ich geh in die Knie.  

Bertha und Leopold Landsberg.

Geboren 1874 und 1875.  Dann ihre 5 Kinder. Hedwig, Paul, Käthe, Jacob, Lieselotte. Und ein Enkelkind, Bernhard. Auf den Stolpersteinen stehen Name, Geburtsjahr und dann all das Schlimme. Deportiert nach, „Schutzhaft“ in, Geflohen nach. Es sind nur 4, 5 Worte und Daten . Und doch ist man vollkommen erschüttert. Geflohen nach Holland, ermordet in Auschwitz. Ermordet in Theresienstadt. Geflohen nach Palästina.  Geflohen in die USA.  

In meinem Kopf spult sich ein Film ab. Wie das war. Wenn die Eltern verschleppt werden. Wenn man zu fliehen versucht. Wenn man alles zurück lassen muss, was man liebt.  Wenn alles auseinandergerissen wird. 

Unvorstellbar. 

Im Oberweg 56 erschüttert mich ein einzelner Stein. Das Geburtsjahr. 1857.

Karl Altschul wurde 1857 geboren.  Als in Frankfurt die Synagogen brannten, war der Mann 81 Jahre alt. Wie 2600 andere jüdische Männer wird er im November 38 nach Buchenwald deportiert. Die Männer werden zunächst tagelang in der Frankfurter Festhalle festgehalten, dann mit Bussen an den Südbahnhof gebracht und von dort in Zügen nach Buchenwald transportiert. Er kommt, wie viele andere auch, nach Wochen aus Buchenwald zurück, seine Frau Lina stirbt ein Jahr später.

Als Karl Altschul, der ein renommiertes Geschäft für Herrenkonfektion auf der Goethestraße betrieb, nach Theresienstadt deportiert wird, ist er 85 Jahre alt. Ich seh ihn vor mir, den einst angesehenen, freundlichen, tüchtigen Herrenschneider, Chef von 15 Angestellten. Wie er nicht verstehen kann, was hier passiert. Wie er mit 85 Jahren versucht, würdevoll in einen Güterwaggon zu klettern, wie ein SS Mann ihn anschnauzt, ob das nicht schneller geht. 

Wenn man im Netz versucht, die Personen zu recherchieren, verliert man die Fassung. Wieviel Einzelschicksale sind 6 Millionen Menschen? 6 Millionen?

Ich weiß, es sind schon wieder Stolpersteine, es ist schon wieder der Nationalsozialismus. In den späten 90iger Jahren habe ich gedacht, ob wir unseren Kindern zu viel Drittes Reich zumuten. Jetzt sind am Wochenende Wahlen und eine rechtsextreme Partei könnte die meisten Stimmen erhalten. Da darf die Stimme nicht versagen.

Ich kann nun wirklich schwer überleiten zu Leichtigkeit und gutem Essen. 

Zu gutem Miteinander vielleicht, als wichtigste Grundlage gegenüber grundlosem Hass.  Zum guten Miteinander habe ich mich entgegen meinem Misstrauen von den dauernden Nachfragen, was ich denn mit den Holunderbeeren mache, verführen lassen, mich halt doch mal an die Beeren zu wagen. La voilá, Sie können Holunderbeerenlimonade genießen, nur solange der Vorrat reicht, die Farbe ist bestechend schön, das auf jeden Fall. Wir machen Pilzrisotto und es gibt Tafelspitz, es ist ab heute September, das heißt auch, nur noch ein Monat Grüne Soße im Mutz. Am Donnerstag dann ein schönes Konzert mit Axel Freudenberger und Christian Müntz, nächste Woche am Donnerstag „Esprit de Paris“, oui, oui.

Da gibt es auf jeden Fall nicht nur französische Chansons! Am 24.9. haben wir dann Muzika Goia, eine Band mit jüdischer und osteuropäischer Musik. Wie gut, dass man nicht alles hat zerstören können. Vor allem Goia, die Freude nicht.

Gute Nacht, bleiben Sie wachsam die Sabine vom Mutz