Novemberblues.
Am 9. November 1938 brannten in Frankfurt die Synagogen.
Die Börne Synagoge, die Synagoge am Börneplatz, die Westend Synagoge, die Synagoge an der Friedberger Anlage. Die Synagoge in Höchst.
Die Scheiben jüdischer Geschäfte wurden eingeworfen, die Läden geplündert.
Mein Vater, Jahrgang 32, hat ab und an davon erzählt. Er könne sich erinnern. Wie er mit seinem Opa im Park stand, das Gebetshaus in Flammen.
Ein alter Mann, ein kleiner Bub, Kinderhand drückt große Hand.
Die elterliche Wohnung in der Allerheiligenstraße war viel zu eng, mein Papa war als Ältester ausquartiert zu seinem Opa in der Battonstrass‘. Bis dahin, bis 9-11-38. Denn am 10.11. wird der Opa deportiert. Auch der Vater, mein Opa. Nach Buchenwald.
Ich recherchiere ein bisschen und der Knoten in meinem Magen wird wirklich dick. Ich lese von dem Opernsänger Hans Erl. Man zwang den Mann „in diesen heiligen Hallen kennt man die Rache nicht“ zu singen. Nicht auf großer Bühne in der Oper, wo er große Erfolge gefeiert hatte, sondern in der Frankfurter Festhalle, gedemütigt von SS Männern, Mozart vor eingepferchten jüdischen Mitgefangenen. Durch ihn komme ich auf weitere entrechtete Künstler und Künstlerinnen. Magda Spiel, eine gefeierte Schauspielerin. Alwin Kronacher, der geschasste Intendant des Schauspiels. Max Michel, ehemals Kulturdezernent der Stadt.
Auf die entlassene Schneiderin Ellen Trier und die Garderobenfrau Jenny Schäfer. Ich lese über Otto Loewe, Chirurg am Markus Krankenhaus. 30 Jahre lang Chirurg am Markus Krankenhaus, Chefarzt. Die gesamte Krankenhausleitung stellte sich 1935 gegen die angeordnete Entlassung des Mannes. Erfolglos. Der Arzt, der eines der ersten Röntgengeräte in Frankfurt installierte und sich in besonderer Weise um das Markus Krankenhaus verdient gemacht hatte, verließ 1935 „sein“ Krankenhaus, um dem Krankenhaus und den Kollegen nicht zu schaden. 1938 starb er in der Nacht des 12. November nach der Verhaftung durch die SS „unter ungeklärten Umständen“ an inneren Blutungen an Milz und Gehirn.
All die Opernsänger, Regisseure, Schauspielerinnen, Ärzte, Schneider und Schneiderinnen, Friseure und Garderobenfrauen waren Menschen dieser Stadt. Mitglieder einer Kommune, einer Gemeinschaft. Tragende Säulen, fleißig, erfolgreich. Ganz normale Leute.
Als die Geschäfte geplündert wurden, standen sie da, die Nachbarn, die anderen Mitglieder der gleichen Kommune, die Menschen dieser Stadt. Haben sie gejohlt, Steine geworfen, vielleicht sogar geprügelt? Es gab Juden, die in die einstürzenden Synagogen rannten, um Thorarollen, Kidduschbecher oder Kerzenhalter zu retten. Sie wurden bespuckt, verlacht, geschlagen.
Die in den Folgetagen des Pogroms festgenommenen Juden mussten, als sie nach Buchenwald deportiert wurden, am Frankfurter Südbahnhof durch den Unterführungstunnel laufen. Ein Spießrutenlauf. Wie schlimm es den Menschen dann in Buchenwald ergangen sein muss, ist eine Sache. Aber was sind wir für Wesen, dass wir johlend auf andere einschlagen. Dass wir irgendwelchen Aggressionen und Wutgefühlen freien Lauf lassen, einfach, weil es gerade möglich ist. Weil man es gerade tun kann.
Ich wünsche mir eine Welt, in der man nachdenkt, bevor man handelt. Eigentlich nicht so schwer. Was bedeutet mein Handeln für jemand anders. Ich glaube, so kämen wir eigentlich gut weiter. Mein Handeln heute für Sie bedeutet: Weihnachtsplätzchen. Soulfood. Ich habe Teig vorbereitet, am Wochenende wird es die ersten Plätzchen geben, die wunderbare Weihnachtszeit kündigt sich an.
Und: Espressoparfait. Die heilende Wirkung des zu Sirup verkochtem Kaffee, den ich langsam in das schaumig geschlagene Eigelb laufen lasse, ist legendär, ein magischer Zaubertrank wie bei Asterix und Obelix, mit Erstarken. Pure Medizin. Balsam für meine Seele. 40 große, saftige Beinscheiben habe ich heute morgen besorgt, damit diese Woche das Ossobucco nicht ausgeht. Die Soße dazu ist köstlich, kleine Stückchen von Karotte, Sellerie und Lauch zergehen auf der Zunge. Morgen hol ich frischen Fisch, den gibt es mit Salzkartoffeln und Cavolo Nero- Lauchgemüse, Pilzrisotto machen wir diese Woche auch vegetarisch, es ist ein Gedicht.
Zum Gedicht die Musik, am Donnerstag haben wir bei Anna noch ein bisschen Platz, noch mehr Nahrung für die Seele. Reservieren Sie einfach per Mail oder Telefon, morgen ab 15:00 Uhr unter der 069 96864758, Am übernächsten Sonntag, den 15.11., spielen Schmackes im Mutz, um 18:30 Uhr. Schmackes spielen Klezmer Musik. Sie tragen mit ihrer wunderbaren Musik und ihrer Fröhlichkeit und Herzlichkeit dazu bei, die Welt, die die Nazis ausrotten wollten, lebendig zu halten. Kommen Sie und lassen Sie sich mitnehmen auf eine Reise durch eine lebensfrohe Welt mit genau dem Hauch Melancholie, der das Leben rund macht. Großartig!
Am Mittwoch, den 18.11. um 19:00 Uhr singt Jutta Loskill, begleitet von Mitija Skoberne am Klavier, Chansons, unter Anderem von Alexandra, Hildegard Knef und Udo Jürgens, dem Held meines Vaters, da kann ich viel mitträllern und so bin ich zum Schluss wieder am Anfang, Hildegard Knef und diese Stadt, mein Papa und Udo Jürgens, Jutta Loskill, ich und der Blues…..
man sieht sich? die Sabine vom Mutz
