Wenn einer eine Reise tut… man kann auch in der U-Bahn viel erleben. Ein wenig eingeklemmt, einer rechts, 2 gegenüber, Kniekontakt.
So sitzt man dann da, keiner schaut den anderen an, wozu auch, es gibt so viel wahnsinnig viel Spannendes auf dem Handy zu entdecken. Die Dame neben mir ist um die 70, eine kleine, eher unauffällige Frau. Sie hat 2 Handtaschen um ihren Arm geklemmt, mir ist nicht klar, ob sie Angst hat, man könnte sie ihr klauen, oder ob sie einfach Platz machen will, ja, stimmt, eigentlich standen die Taschen erst auf dem Sitz, auf dem ich jetzt sitze. Sie tippt mit schnellen, fieberhaften Fingerbewegungen auf Ihrem Bildschirm herum, die Bänke sind nicht breit genug, als dass es mir verborgen bliebe, sie zockt Solitär. Es triggert mich, dass sie so hektisch hämmert, oder ist es die Frau, die ihrem Sohn/Freund/ Lebensabschnittsgefährten irgendwo 2 oder 20 oder 2000 km weit entfernt via Handy ins Ohr brüllt, er solle sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. Irgendwas nervt mich.
Früher haben die Leute im Zug ihre Brote, mit und ohne Butter, ausgepackt und vielleicht mit ihren Sitznachbarn geteilt. Heute teilen sie alles und gar nichts. Man nimmt sich nicht wahr. Durch den im Ohr steckenden „Kopf“hörer der dritten Frau in unserer lauschigen U-Bahnsitzecken-WG dröhnt ein so grauenvolles metallisches Rauschen – ich vermute, es ist eine Art Musik – dass es vermutlich der Sohn/Freund/Lebensabschnittsgefährte 2 oder 20 oder 2000 km weit entfernt auch noch hört, der Ärmste. Ich denke darüber nach, ob man, wenn man immer mit dem Smartphone zugange ist, den Holunder sieht, der jetzt blüht. Die Rosen, die plötzlich überall prall sprießen, rot und rosa, dicht und duftend, betörend, bezaubernd, wunderschön. Schließlich fährt die U3 nur das letzte Drittel unter der Erde, zum Glück. Bei uns im Mutz hat gerade die Buschrose im hinteren Teil des Gartens begonnen zu blühen. Jeden Morgen gehen neue Knospen auf, es ist das Jahr 100 bei Dornröschen, alles ist plötzlich rosarot und freundlich. Aus dem Holunder mache ich eine Erdbeer-Holunderlimonade, aber erst ab Donnerstag, der Holunder muss noch ziehen. Der Frühling beschert also Rhabarber, Waldmeister, Holunder und Erdbeeren, alles wird zu köstlichem Kuchen, leckerer Limo und dickmachendem Dessert, wer will schon dick werden, aber das fängt halt mit „d“ an und man muss sich durchaus von altmodischen Schönheitsbegriffen befreien. Zumal ich Meringata machen werde, dazu eine Handvoll Erdbeeren, wer da über Kalorien nachdenkt, ist selber schuld. Und was fehlt in Veronikas Lenz? Joh, da isser, der Spargel. Als Risotto und als Spargelsalat mit Erdbeeren, ein paniertes Kotelett obenauf, ich hoffe, Sie erinnern sich, wie köstlich das ist, gibts ja nu wirklich selten, paniertes Kotelett, aber bei uns schon! Die Veronika stammt, dies nur nebenbei bemerkt, aus der Feder eines jüdischen Komponisten, der 1933 vor den Nazis aus Berlin floh. Fritz Rotter ging nach Österreich, von dort emigrierte er 1936 nach England. Morgen, am Mittwoch, liest Nicole Henneberg aus der von ihr verfassten Biografie über Gabriele Tergit. Tergits Wohnungstür ihielt m März 33 den SA Schergen stand, vielleicht rettete ihr das das Leben. Die jüdische Journalistin musste fliehen. Ihr Gesellschaftsroman „Die Effingers“ wurde erst 2021 in der von Tergit vorgesehenen Länge veröffentlicht, mit einem Nachwort von Nicole Henneberg. Die Effingers – die Filmrechte liegen bei Netflix – sind ein umfassendes, detailreiches, berührendes Zeugnis einer willkürlich zerstörten Kultur. Ich habe den 600 Seiten umfassenden Roman mit stetig wachsender Begeisterung gelesen und ich freue mich, wenn auch Sie – auch spontan – zur Lesung kommen und ein wenig in das Leben einer bemerkenswerten Frau eintauchen.
So. Nun kommt die nicht ganz so gute Nachricht zum Schluss, aber wat mut, dat mut. Ab Juni öffnen wir Mittwochs und Donnerstags erst ab 15:00 Uhr, Freitag, Samstag und Sonntag bleiben geöffnet wie gehabt (ab 10:00).
Ein bisschen hängt es mit meinem Fahrradunfall zusammen, ein bisschen mit veränderten Essgewohnheiten – wer isst unter der Woche zu Mittag? – und ein bisschen mit Personalknappheit. Ich muss auch unbedingt mein Querflötenspiel perfektionieren ;-).
Aber es bleibt bei Kino – Amrum- am 29.5. Bei der Lesung „tausend Fenster“ am 31.5., bei Musik am 3.6 mit Axel Freudenberger und Christian Müntz. Am 4.6. liest der wunderbare frankfurter Mainzer Michael Bohl im Rahmen von „Mainz liest ( in Frankfurt) ein Buch“ aus dem Roman „Oben Erde, unten Himmel“.
Es gibt genug Gelegenheiten, ins Mutz zu kommen. Bis dahin die Sabine vom Mutz
