Im Hintergrund röhrt die Eismaschine. Ob die Idee eines Rhabarbereis letztendlich in eine gelungene Realisierung mündet, das dürfen Sie dann morgen selbst probieren, ich habe heute soviel Rhabarber geschält, geschnitten und gekocht, dass ich morgen erstmal einen Rhabarber-Detox-Day einlegen werde. Nicht in der Produktion. Die läuft. Ich habe auch Sirup gemacht, für Rhabarber Sprizz, ich dachte vielleicht Sirup, Sekt und Zitrone? Und morgen natürlich Kuchen! Mit dicken, fetten Streuseln. Am Wochenende auch Baiser. Alles Süsse ist meines, herrlich, hier nochmal ein bisschen davon und dort nochmal was hiervon und irgendwann hat man etwas Himmlisches (was sich nie mehr reproduzieren lässt, weil es ja „bisschen hier, bisschen da“ ist). In das Sorbet, das ich unter die Joghurt-Rhabarber-Eismasse mischen will, habe ich gerade ein wenig Limoncello gekippt – oh wie lecker war das gleich! Oder man macht einen Sprizz mit Limoncello und Rhabarbersirup? Heureka, das scheint mir gut. Kleist war ja der Meinung, die Idee käme beim Sprechen, was sicher stimmt.
In meiner Buchempfehlung heute geht es der Autorin auch um Sprache. Nicht der kreativen Kraft von Sprache, sondern ihrer destruktiven Macht.
„Alles beginnt mit Sprache. Der tausendfache Missbrauch, der Zwang und die Morde durch Arbeit begannen mit Sprache. Mit der Einübung in die Unmenschlichkeit durch die Versprachlichung unmenschlicher Gedanken“ schreibt Svenja Leiber am Ende ihres herausragenden Romans.
Lesen Sie „Nelka“.
1941. Lemberg. Ein Mädchen wird auf dem Weg zum Brötchen holen verschleppt. Der Lesende tritt mit dem verängstigten jungen Mädchen eine Reise an. Eine Reise durch Unmenschlichkeit, Missbrauch, Gewalt und Zerstörung. Eine schreckliche Reise, erzählt in einer poetischen, in einer zarten, in einer wundersamen Weise. So viel sanfte, so viel bezaubernde Melodie in einem Roman, der eine so erschütternde Geschichte erzählt, der erinnert an Leid, an Unrecht, an Verbrechen, die Menschen anderen Menschen antun.
Die Deutsche an Zwangsarbeitern begingen. Die Männer an Frauen begehen. Und da, wo man fast zu ersticken glaubt, weil nicht nur alles Zurückliegende, sondern auch alles Gegenwärtige grausam und ungerecht scheint, schimmert Licht.
Für mich trägt dieser großartige Roman zweimal sanftes Licht in sich. Das eine liegt in der Fürsorge, dem Mut, dem Widerstand und der Liebe, die einige der Protagonisten in sich tragen. Das andere Licht leuchtet in Svenja Leibers Sprache. Die Sprache, mit der diese schlimme Geschichte erzählt wird, ist eine starke, eine mächtige, eine mit ungeheurer positiver Kraft. Svenja Leiber holt behutsam das Dunkle, das Tiefe ins Helle. „Wer nur auf die Dunkelheit blickt, wird erblinden.“
Ein ganz besonderes Buch.
In einer Zeit, in der Sprache wieder fortlaufend missbraucht wird, um Unmenschlichkeit denkbar und damit machbar werden zu lassen, muss man sehr achtsam sein. Jeden Tag.
Jetzt muss ich mich dringend um mein Eis kümmern, wenn Sie für die Lesung am Donnerstag reserviert haben und weniger Personen sind, als Sie reserviert haben, sagen Sie bitte unbedingt Bescheid. Bitte sagen Sie mir auch, wenn Sie nichts essen wollen, dann kann ich die Tische anders arrangieren. Ansonsten freuen wir uns auf die tolle Lesung mit Michael Bohl und Christian Setzepfandt, toll, dass die zwei zu uns kommen. Danke, falls ihr das lest :-). Nächste Woche konzertieren wir in den ersten Mai mit Maibowle und „Maison Manouche“, reservieren Sie gerne.
Jetzt aber schnell ans Eis, bis dann die Sabine vom Mutz
